Schicksalsschlag bei Hamburgs Seeadlern

Ergänzt am 28. April.

2014 kam es an der Alten Süderelbe zur ersten Seeadlerbrut. Die Herkunft des männlichen Partners blieb unbekannt, er war unberingt. Das Weibchen wurde 2010 nestjung am Selenter See beringt, befand sich also zur ersten Brut erst im vierten Lebensjahr.  Im ersten Jahr wurde ein Junges flügge, 2015  waren es zwei.

Juveniler Seeadler an der Alten Süderelbe in Hamburg
Einer der beiden 2015er Jungvögel

Während des Winters 2015/16 wurde kräftig gebalzt und das Nest weiter aufgestockt. Ab circa 7. März wurde das Gelege bebrütet. Am 8. März kam der männliche Partner von einem Ausflug nicht mehr zurück, an einer Windkraftanlage auf der Hohen Schaar fand sein Leben ein jähes Ende.       

Am 22. März gab das allein verbliebene Weibchen die Brut auf.

Balz des Seeadlerpaares an der Alten Süderelbe im Dezember 2015

Balz des Paares im Dezember 2015

Im Folgenden werden die Beobachtungen aus dieser Zeit geschildert.

  • 9. März: Die Nachricht über einen toten Seeadler an einer Windkraftanlage auf der Hohen Schaar erreicht mich über die Vogelschutzwarte. Das Tier ist adult und unberingt. Der Verdacht, dass es sich um einen der hiesigen Brutvögel handelt, liegt nahe. Allerdings hatte Günther Rupnow unlängst in Moorburg vier adulte Seeadler beobachten können, also handelt es sich vieleicht doch um einen Durchzügler auf Revier- bzw. Partnersuche? Nach dem Ausschlussverfahren bleiben neben dem Männchen von der Alten Süderelbe nur noch die Neßsand-Adler oder ein gebietsfremder Vogel übrig.
  •  12. März: Auf Nachfrage ist aus der Gruppe Süd des NABU ist zu erfahren, dass am Horst der Alten Süderelbe alles in Ordnung sei. Zwei Seeadler seien auf dem Nest beobachtet worden.
  • 14. März: Jan Mewes (Schlickfall e.V.) berichtet nach intensiven Beobachtungen nur vom brütenden Weibchen, ein zweites adultes Tier konnte er nicht sichten. Allerdings halten sich nach seinen Beobachtungen bereits seit einiger Zeit zwei immature Seeadler im Gebiet auf.
  • 16. März: Endlich habe ich Zeit für eigene Beobachtungen. "Sie" sitzt stundenlang ununterbrochen auf dem Gelege. Gelegentlich stößt sie Kontaktrufe aus - keiner antwortet, keine Spur vom Partner. Beide vorjährigen Seeadler halten sich im Revier auf. Der Horst wird mehrfach von mindestens einem der beiden angeflogen, auf die Distanz lassen sich die beiden Individuen im Feld jedoch nicht unterscheiden. Mal scheint der Brutvogel dies "schweigend hinzunehmen", mal wird der immature Vogel aggressiv attackiert.
  • 17. März: Die Beobachtungen entsprechen weitgehend denen den Vortages. Der Brutvogel hat offenbar Nahrung im Horst. Sie frisst, Federn fliegen dabei aus dem Nest. Sie wirkt unruhig, steht mehrfach auf dem Nestrand und fliegt einige kleine Runden. Immer wieder Kontaktrufe - keine Antwort. Insgesamt sitzt sie weiter recht konsequent auf dem Gelege.
  • 19. März: Zunehmend länger verlässt das Weibchen das Nest. Zweimal ist es je rund eine halbe Stunde fort. Die Eier werden zuvor gründlich abgedeckt. Die immaturen Adler fliegen weiterhin den Horst an, ob nur einer oder beide, ist zu dieser Zeit noch unklar. Allerdings lässt das unterschiedliche Verhalten des Brutvogels vermuten, dass es sich um beide jungen Adler handelt.

Während einer der immaturen Seeadler in Nestnähe akzeptiert wird...

...wird der Andere sofort vom adulten Weibchen vertrieben

  • 22. März: Nach Beobachtungen von Jan Mewes und Petra Denkinger wurde die Brut abgebrochen.
  • 24. März: Nur noch sporadisch fliegt das Weibchen das Nest an, stößt unbeantwortete Kontaktrufe aus, verlässt es nach wenigen Minuten immer wieder. Mindestens ein vorjähriger Seeadler ist noch im Revier.

Begegnung der adulten Weibchens mit einem der Jungadler im Flug nach dem Brutabbruch

  • 26. März: Ein im Gebiet bisher ungekanntes adultes Männchen ist anwesend. Es hält sich überwiegend auf dem Mühlensand auf, landet aber auch dreimal auf dem Horst. An diesem Tag werden während gut 10 Stunden Beobachtungszeit weder das Weibchen noch die vorjährigen Adler gesichtet.
  • 29. März: Petra Denkinger und Jan Mewes berichten:  "Wir konnten heute Abend zwei adulte Adler im Nest beobachten (ein männlicher und ein weiblicher). Sie sind stark aufeinander bezogen, rufen, fliegen hintereinander her und sitzen beieinander in den Schlafbäumen." Die immaturen Adler sichteten auch sie nicht mehr.
  • 30. März: Beide adulten Adler sitzen und fliegen die meiste Zeit zusammen, es wird gebalzt. Auf dem Nest können zwei Paarungen beobachtet werden. Im Anschluss steigen beide gemeinsam kreisend über dem Nest hoch auf.

  • 1. April: Meist sitzt das neue Paar gemeinsam in einer Weide und scheint die Sonne zu genießen. Auf dem Nest kommt es erneut zu einer Paarung. Zahlreiche Duettrufe. Ein erneuter Brutversuch scheint möglich...

Das neue Paar scheint die Morgensonne gemeinsam zu genießen

Ein Nahrungseintrag in das Nest während der Brut durch einen immaturen Adler konnte nicht beobachtet werden. Während der Beobachtungszeit hielt sich niemals ein immaturer Vogel alleine in Nestnähe auf.

Nach Auswertung des angefertigten Bild- und Videomaterials kann mit Sicherheit gesagt werden, dass beide vorjährigen Seeadler den Horst anflogen. Das Verhalten des Altvogels ggü. den immaturen war unterschiedlich: Während der eine zumindest in unmittelbarer Nähe zum Nest und kurzzeitig auch auf dem Nestrand akzeptiert wurde, fing der Brutvogel den anderen meist schon in der Luft ab, wozu das Gelege mehrfach kurz verlassen wurde.

Dies lässt Spielraum für Spekulationen:

 

1. Könnte es sich um die eigenen Nachkommen des Vorjahres gehandelt haben. Unterschiedliche Geschlechter könnten das mal aggressive mal friedfertige Verhalten des Weibchens erklären. Beide Jungen flogen aber im letzten Herbst mit einem zeitlichen Versatz von mehreren Wochen ab, sodass ein gleichzeitiges Auftauchen der beiden in diesem Jahr recht unwahrscheinlich scheint.

 

2. Könnte es sich um fremde Individuen gehandelt haben. Auch hier könnten unterschiedliche Geschlechter Grund für das Verhalten des Weibchens sein. Aber würde dieses einen fremden, nicht geschlechtsreifen Artgenossen überhaupt in Nestnähe akzeptieren?

 

3. Könnte es sich um einen der eigenen Jungen von 2015 und einen "mitreisenden" Artgenossen gehandelt haben. Während der vorjährige Nachwuchs akzeptiert wurde, war dies beim fremden Tier nicht der Fall. Diese Variante erscheint mir am plausibelsten. 

 

Gewissheit wird es hier nicht mehr geben.

Ausblick:

Eine erneute Brut in diesem Jahr mit dem neuen Partner ist nicht auszuschließen. Die Aussichten im Revier werden jedoch nicht besser:

Die Windkraftanlage, welche dem Männchen zum Verhängnis wurde, befindet sich in gut 8 km Entfernung vom Nest. Auf der Verbindungslinie zwischen Nest und dieser Anlage sind neue Windkraftanlagen im Westen Altenwerders geplant - in knapp über 3 km Entfernung vom Horst. Die möglichen Flugkorridore zu den verschiedenen Jagdrevieren werden immer schmaler. Die Adler jagen eben nicht nur im Mühlenberger Loch, der Alten Süderelbe und bei Airbus.

 

Schlussbemerkung:

Der Fall lässt erahnen, wie lückenhaft das Wissen über "unsere" Reviervögel ist. Bei weniger hoher Beobachtungsintensität wäre -vorausgesetzt, es kommt nun noch zu einer erfolgreichen Brut-  im Sommer wohl von einem normalen Brutverlauf ausgegangen worden. Auch die Vernetzung mit anderen Beobachtern erwies sich wieder einmal als überaus wertvoll.

 

Beobachtungsdaten wurden freundlicherweise von  Petra Denkinger, Jan Mewes und Günther Rupnow zur Verfügung gestellt. Die Herkunftsdaten des weiblichen Brutvogels lieferte Andreas Giesenberg, der die Ringe per Digitalfotografie ablesen konnte. Diesem Bericht zugrunde liegen rund 45 Stunden eigener Beobachtungszeit, die Auswertung einiger tausend Fotos und etlicher Videosequenzen.

Ergänzende Literaturhinweise:

Einen detaillierten Bericht zum Unfall an der Windkraftanlage befindet sich in der April-Ausgabe der Mitteilungen des Arbeitskreises Vogelschutzwarte Hamburg ab Seite 6.

Der Augenzeuge und Finder des toten Seeadlers konnte den Vorgang hervorragend dokumentieren.

Zum Herunterladen der Mitteilungen klicken sie bitte auf das nebenstehende Bild.

Einen guten Artikel von Angelika Hillmer zum Thema gibt es im Hamburger Abendblatt vom 28. April.

Aktualisierung vom 28. April:

  • 9. April: Kurz nach Sonnenaufgang sitzt das Paar in einer Weide auf dem Mühlensand in teils dichten Morgennebel mit Blick auf die steigende Sonne. Gefiederpflege, gemeinsames Rufen und dösen steht auf dem Programm. Im Anschluss fliegen  Beide kurz das Nest an und stehen rufend auf diesem. Danach fliegen sie gemeinsam in Richtung Mühlenberger Loch ab und lassen sich bis zum frühen Nachmittag nicht mehr an der Alten Süderelbe blicken.
  • 16. April: Während der knapp zweistündigen Beobachtungszeit lässt sich kein Adler an der Alten Süderelbe blicken.
  • 18. April: Einige Male steuert das Weibchen am Nachmittag das Nest an um sich darin für einige Minuten niederzulassen. Ein Mal hat es das Männchen im Schlepptau, welches auf dem Nestrand stehen bleibt während sie tief darin sitzt.
  • 20. April: Keiner der Seeadler kann von mir währen gut 2,5 Stunden beobachtet werden, allerdings bin ich durch balzende Kiebitze und Flussregenpfeifer ziemlich abgelenkt und nicht so konzentriert wie sonst.
  • 21. April: Jan Mewes (Schlickfall e.V.) beobachtet das Männchen nach Sonnenuntergang alleine im Schlafbaum. Das Weibchen sitzt tief im Nest und scheint zu brüten! Dies ist schon ein deutliches Indiz für eine laufende Brut, normalerweise säßen sie jetzt gemeinsam im Schlafbaum.
  • 22. April: Bei Sonnenaufgang ist das Nest wie am Vorabend besetzt, die Beobachtung einer erneuten Brut scheint sich somit zu bestätigen. Zwischendurch verlässt das Weibchen mehrfach für einige kleine Flugrunden das Nest, landet wenige Minuten später wieder und wurstelt etwas unter ihrem Bauch herum bevor sie sich wieder setzt. Im Anschluss wird Laub eng um dem Körper drapiert, dies geschieht um seitlich eine bessere Wärmeisolation zu erreichen und ist ebenfalls ein deutliches Indiz für eine laufende Brut. Drei Brutablösungen können im Tagesverlauf beobachtet werden, das Verhalten des Männchens auf dem Nest ist ähnlich, vielleicht ein wenig "flusiger" als das des Weibchens. In der Abenddämmerung sitzt das Weibchen tief und nahezu nicht erkennbar im Nest. Das Männchen ist nun nicht zu entdecken bis es dunkel ist.
Brütendes Seeadler-Weibchen an der Alten Süderelbe in Hamburg
Das Weibchen sitzt brütend im Nest
  • 23. April: Die Beobachtungen vom frühen Morgen bis zum Nachmittag ähneln denen vom Vortag. Meist sitzt das Weibchen im Nest, am Morgen wird es für knapp 2 Stunden vom Männchen abgelöst. Mittags verlässt sie das Nest nachdem die mutmaßlichen Eier gründlich mit Laub und kleinen Zweigen abgedeckt hat für immerhin 68 Minuten. Dies ist zwar eine recht lange Zeit, aber für dieses Stadium der mutmaßlichen Brut nicht so ungewöhnlich. Während dieser Zeit stehen beide Adler nahe dem Ufer der Alten Süderelbe und fressen offenbar. Am Nachmittag verläuft das Brutgeschäft wie gehabt.
  • 24. April: Petra Denkinger und Jan Mewes (beide Schlickfall e.V.) finden am frühen Abend ein unbesetztes Adlernest vor.
  • 25. April: Von 5:30 bis etwa 10:00 kann ich keinen Seeadler auf dem Nest beobachten. Stattdessen stehen Beide zeitweise nahe des Ufers und fressen an der gleichen Stelle wie bereits am 23. April. Mehrfach fliegen sowohl Weibchen wie auch Männchen am Nest vorbei ohne es anzusteuern.

Zusammenfassend lässt sich derzeit wohl sagen, dass vom 21. April bis zum 23. oder 24. April ein erneuter Brutversuch unternommen und abgebrochen wurde. 

Damit dürfte die 2016er Brutsaison für das Paar an der Alten Süderelbe endgültig gelaufen sein. Immerhin bleibt so viel Zeit für die Festigung der Paarbindung für einen neuen Anlauf 2017. Bei Neuigkeiten zum Thema werden wir selbstverständlich berichten. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0