Eine Woche unter Kranichen

Der Duvenstedter Brook ist eines der größten Naturschutzgebiete in der Hansestadt. Es war  das erste Gebiet Hamburgs, in dem nach über 100 jähriger Abwesenheit 1980 der Kranich wieder erfolgreich ansiedeln konnte. Doch natürlich gibt es hier noch viel mehr zu entdecken...

 

Normalerweise wohnt außer dem Förster und seiner Familie niemald hier, von Ende März bis Anfang Juli sind jedoch auch ehrenamtlich aktive  "Kranichwachen" im Betriebshof der Försterei untergebracht. Seit dem 01. April bin ich nun zum zweiten Mal nach 2015 für eine Woche dabei.

Täglich werde ich hier kurze Berichte mit einigen Fotos einstellen. Die Fotos entstehen alle "nebenbei" während meiner Tätigkeit (dazu in den nächsten Tagen mehr) im Gebiet. Bei der gezeigten Auswahl wird Wert darauf gelegt, dass alle Besucher eine Chance haben, das Abgebildete live zu erleben. So werden keine Fotoverstecke oder ähnliches verwendet, die Wege werden -wie es von allen Besuchern eingefordert wird- nicht verlassen und stundenlanges Warten auf bestimmte Ereignisse ist Tabu. Alles was sie hier für ein spannendes Naturerlebnis brauchen ist eine gehörige Portion Neugier, etwas Ausdauer und idealerweise ein Fernglas.

Über Kommentare freue ich mich!

 

Hier ein kleines Begrüßungsvideo, bitte den Ton nicht vergessen einzuschalten:


01. April

Die Woche beginnt traditionell am Freitagnachmittag mit der Schlüssel- und Dokumentationsübergabe durch die vorige Besetzung. Danach richte ich mich kurz in der Unterkunft ein, dann geht es auch schon ins Gelände um sich einen ersten Eindruck zu machen. Einige ranichpaare sind schon seit etwa zwei Wochen im Brutgeschäft, die Mehrzahl wohl noch nicht.

Ein Kranich fliegt in das Moor ein
Ein Kranich fliegt in das Moor ein

Doch es gibt mehr zu sehen und zu hören. Zahlreiche Zugvögel wie die Schwarzkehlchen sind nun zurück und besetzen ihre Reviere, immer mehr Blüten lassen sich am Wegesrand entdecken. Grünfrösche sind aus den Gewässern noch etwas zaghaft zu hören, kein Wunder, nachts ist es noch recht kühl. Mistkäfer kommen aus der Erde gekrochen und krabbeln oder fliegen fort, Sandbienen und Hummeln wärmen sich in der Sonne.

Schwarzkehlchen-Weibchen auf ihrer Sitzwarte, von hier lassen sich leckere Insekten gut entdecken
Schwarzkehlchen-Weibchen auf ihrer Sitzwarte, von hier lassen sich leckere Insekten gut entdecken
Das Schwarzkehlchen-Männchen markiert mit seinem Gesang das Revier
Das Schwarzkehlchen-Männchen markiert mit seinem Gesang das Revier
Buschwindröschen säumen die Wegränder
Buschwindröschen säumen die Wegränder
Buntspecht auf Nahrungssuche
Buntspecht auf Nahrungssuche

02. April

Um 7:00 Uhr geht es raus, kühl ist es. Das Trompeten der Kraniche ist weithin zu hören, über den weiten Wiesen balzen die Kiebitze. Ein Seeadler überfliegt mich und setzt sich kurz in einen Baumwipfel.

 

Ein Kiebitz überfliegt die Wiesen
Ein Kiebitz überfliegt die Wiesen

Von einem Wanderweg aus gut sichtbar baut ein Kranichpaar an seinem Nest auf dem Boden, auch hier soll das Brutgeschäft also bald beginnen.

Kraniche beim Nestbau

Am Mittag und Nachmittag nutzen Greifvögel wie der Rotmilan und Mäusebussarde die Thermik um hoch in den Himmel zu steigen. Viele von ihnen sind noch auf dem Weg in nördlich gelegene Brutgebiete.

Rotmilan im Gegenlicht
Rotmilan im Gegenlicht

In der Mittagssonne kann ich keine 50 Zentimeter vom Wegrand entfernt eine gut versteckte Ringelnatter finden, die sich zwischen trockenem Gras und Laub aufwärmt. Leider Lässt sich in der dichten Vegetation  keine geeignete Perspektive für ein besseres Foto finden. Vielleicht liegt sie in den nächsten Tagen ja mal freier...

Ruhende Ringelnatter
Ruhende Ringelnatter

Momente zum Genießen: Karge Schönheit der Landschaft. Stille bis auf Vogelgesang und das Knistern der sich in der Sonne erwärmenden Vegetation. Legendlich der Flugverkehr stört alle paar Minuten!

Landschaftsimpression aus dem Duvenstedter Brook
Landschaftsimpression aus dem Duvenstedter Brook

Am Abend schaue ich kurz beim brütenden Uhu vorbei. Die größte bei uns vorkommende Eule hat ihren Bestand in Hamburg in den letzten Jahren kräftig ausbauen können.

Brütender Uhu
Brütender Uhu

03. April

Sonntag - viel Sonne bei wechselnder Bewölkung, Temperaturen bis an die 20 Grad: Das bedeutet Besucheransturm auf den Duvenstedter Brook.

Morgens ist der Himmel noch grau, erstaunlich wenige Naturgucker und -fotografen sind anzutreffen. So bleibt etwas Zeit ein Kranichpaar beim Nestbau zu beobachten und zu filmen, das obige Begrüßungsvideo ist eine kleine Sequenz hieraus. Über die Wege bewegen sich in den Morgenstunden überwiegend Frühsportler.

Probesitzen während des Nestbaus
Probesitzen während des Nestbaus

Im Laufe des Vormittags reißt die Wolkendecke immer öfter auf, die Wege füllen sich zusehends mit Spaziergängern.

In der Natur wird es in der Mittagssonne stiller. An den besonnten Wegrändern tummeln sich nun Waldeidechsen, Blindschleichen, Ringelnattern und Kreuzottern. Zumeist sind sie gut im gelbbraunen Gras des Vorjahres und im Laub versteckt und bleiben von uns Menschen unbemerkt. Gelegendlich hört man ein verdächtiges Rascheln im Vorbeigehen. Manchmal präsentieren sich die Reptilien aber auch prächtig in der Sonne und lassen sich entspannt betrachten wenn man hektische Bewegungen vermeidet und sich langsam annähert.

Waldeidechse beim Sonnenbad, keine 50cm vom Wegrand entfernt
Waldeidechse beim Sonnenbad, keine 50cm vom Wegrand entfernt

Nachmittags kommt zum Teil Stadtpark-Atmosphäre auf. Auf den Hauptwegen flanieren Familien, Paare und offenbar auch einige Wandergruppen. Zwischen ihnen rasen, neben vielen rücksichtsvollen Radfahrern, immer wieder einige Mountainbiker in Schlangenlinien hindurch. Die kleinen Parkplätze am Rande des Naturschutzgebietes sind zeitweise komplett gefüllt.

Zum Naturbeobachten komme ich nun kaum, viele Gespräche mit Besuchern mit noch mehr Fragen zu den Kranichen und anderm Getier welches man hier antreffen kann. Auch der Wolf ist immer wieder Thema. Erschreckend, wie weit sich der Mensch zum Teil von der Natur entfernt hat und sich als völlig entkoppelte Spezies ansieht. Dies wird leider immer mal wieder im Gespräch deutlich. Der weitaus überwiegende Teil der Spaziergänger scheint aber bereit sich bei einem solchen Ausflug "ins Grüne" auf die Welt ausserhalb des Großstadtdschungels einlassen zu wollen.

Am Rande lassen sich immer wieder Gesprächsfetzen aufschnappen wie "Papa, stirbt ein Pferd wenn es von einer Kreuzotter gebissen wird?" oder "Ich verstehe nicht, warum man das alter Holz was hier überall rumliegt nicht wegräumt. Hier arbeitet doch ein Förster!".

Sicher weit über 95% der menschlichen Nutzer des Naturschutzgebietes achten die bestehenden Regeln, gravierende Verstöße konnten heute keine festgestellt werden.

 

Am späten Nachmittag höre ich die ersten Moorfrösche im Froschteich blubbern, nach einiger Suche mit dem Fernglas kann ich sie im überwachsenen Bereich in Ufernähe entdecken. Zur Paarungszeit sind die Männchen für wenige Tage himmelblau gefärbt. In den nächsten Tagen werden sie sich sicher noch besser beobachten lassen.

Große Unruhe am frühen Abend auf den zentralen Wiesen: Graugänse, Kraniche und Kiebitze fliegen laut rufend auf. Der Seeadler kommt! Als er sich auf der Spitze eines abgestorbenen Baumes niederlässt, kehrt schnell wieder Ruhe ein.

Auffliegender Kranich und Graugänse
Auffliegender Kranich und Graugänse
Ansitz in der Abendsonne: Der Seeadler
Ansitz in der Abendsonne: Der Seeadler

04. April

Es nieselt. Nach der obligatorischen Fahrradrunde entlang der zu kontrollierenden Kranichreviere wollte ich eigentlich nach Schlangen ausschau halten, ob das bei dem Wetter Sinn macht?

Immerhin: 2 weitere Revierpaare scheinen nun zu brüten.

Kraniche auf Nahrungssuche
Kraniche auf Nahrungssuche

Ein Paar Rotmilane ist noch nicht ganz soweit, sie bauen noch am Nest und ärgern sich dabei mit einer Rabenkrähe herum, der sie offenbar nicht willkommen sind.

Rotmilan und Rabenkrähe im Luftkampf
Rotmilan und Rabenkrähe im Luftkampf

Auf dem Rückweg zur Unterkunft um eine kurze Mittagspause einzulegen sticht mir noch das blühene Hornkraut ins Auge und motiviert mich zu einem kurzen Stopp.

Blühendes Hornkraut am Wegesrand
Blühendes Hornkraut am Wegesrand

Mittags reißt die Wolkendecke vermehrt auf, die Sonne scheint zeitweilig und es wird merklich wärmer. Zeit für die Reptiliensuche! Offenbar schon gut aufgewärmt flüchten Eidechsen und Ringelnattern leider schon in deutlicher Entfernung zu mir. Das Erste was ich näher zu Gesicht bekomme, ist ein ungewöhnlich hell gefärbter Grasfrosch. Die Haut wirkt zum Teil wie durchsichtig, vermutlich handelt es sich um eine Pigmentstörung der Haut.

Ungewöhnlich hell gefärbter Grasfrosch
Ungewöhnlich hell gefärbter Grasfrosch

Auf der Suche nach Schlangen begleitet mich ständig der Gesang der Schwarzkehlchen und versüsst den Blick in die Landschaft, welche mit ihrer kargen Schönheit besticht.

Landschaftsimpression aus dem Duvenstedter Brook
Landschaftsimpression aus dem Duvenstedter Brook

Schließlich ist die Suche doch noch von Erfolg gekrönt und zwei Ringelnattern lassen sich ausgiebig beobachten und fotografieren. Eine der beiden scheint recht neugierig zu sein und kommt züngelnd immer näher, so dass das Fotografieren nicht mehr möglich ist. So kann ich ganz die Begegnung genießen, herrlich!

Ringelnatter auf der Suche nach etwas Sonne
Ringelnatter auf der Suche nach etwas Sonne
Züngelnde Ringelnatter im Profil
Züngelnde Ringelnatter im Profil
Auf Augenhöhe mit der Ringelnatter
Auf Augenhöhe mit der Ringelnatter

5. April

Morgens ist es noch trocken. Nach der obligatorischen Runde um die bekannten Kranichreviere, welche keine neuen Erkenntnisse bringt, geht es heute in den Grenzbereich zum Wohldorfer Wald. Am Rückhaltebecken der Ammersbek suchen zwei Gebirgsstelzen nach Insekten. Mit seinen strukturreichen Uferbereichen und der Stauwand samt "Wasserfall" ist die Aufstauung einer der wenigen geeigneten Habitate für die Art in Hamburg.

Gebirgsstelze auf der Suche nach Wasserinsekten
Gebirgsstelze auf der Suche nach Wasserinsekten
Das aufgestaute Rückhaltebecken der Ammersbek bietet günstige Bedingungen für die Gebirgsstelze
Das aufgestaute Rückhaltebecken der Ammersbek bietet günstige Bedingungen für die Gebirgsstelze

Am Rande des Rückhaltebeckens findet sich ein größerer Bestand des Scharbockkrauts. In kurzer Abstecher auf den nahe gelegenen Waldfriedhof um den wohl bekanntesten Waldkauz Hamburgs zu besuchen ist leider vergebens, der Kauz hat sich für heute offenbar einen anderen Tageseinstand gesucht.

Blühendes Scharbockskraut
Blühendes Scharbockskraut

Eine kleine Besonderheit ist dieses Singschwan-Paar. Während die Artgenossen in unserer Region allenfalls im Winter anzutreffen sind und im hohen Norden brüten, ist dieses Paar ganzjährig anzutreffen und brütet auch hier. Heute balzten sie fleißig auf dem Mühlenteich.

Singschwan-Paar auf dem Mühlenteich
Singschwan-Paar auf dem Mühlenteich

Nachmittags setzt Regen ein, Zeit für Papierkram!


6. April

Die ersten Graugänse führen ihre Jungen! Bereits gestern konnte ich zwei Gössel mit ihren Eltern auf einer Feuchtwiese erahnen, heute sind sie näher. Fünf Gössel kann ich zählen, auch ein paar Fotos liegen drin.

Die ersten Graugänse führen bereits jetzt junge
Die ersten Graugänse führen bereits jetzt junge

7. April

Heute ist der letzte volle Tag für mich im Brook, morgen gegen Mittag kommt die Ablösung.

Der Tag war lang, das mobile Internet funktioniert nur schlecht...

Kraniche beim Brutwechsel
Merke: Beim Brutwechsel immer die Eier nachzählen!
Hohler Lerchensporn im Bruchwald
Hohler Lerchensporn im Bruchwald
Schuppenwurz im Erlen-Bruchwald
Schuppenwurz im Erlen-Bruchwald
Blick vom Beobachtungsstand auf die Zentralen Wiesen und das Große Moor
Blick vom Beobachtungsstand auf die Zentralen Wiesen und das Große Moor

8. April

Nach der morgentlichen Runde bleibt noch etwas Zeit zum Filmen einen brütenden Kranichpaares, dann geht es zurück zur Unterkunft. Sachen packen, die Wohnung auf Vordermann für die Nachfolger bringen.

Kurz nach 13 Uhr endet die Woche für mich - auch wenn ich eine Zweite ranhängen könnte!

Weitere Ergänzungen und Videosequenzen folgen in den nächsten Tagen!


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Kommentare: 1
  • #1

    Marlene (Montag, 04 April 2016 22:09)

    Du hast deine Beobachtungen interessant und einfühlsam beschrieben. Auch deine Erklärungen sind sehr lehrreich. Da bekomme ich Lust, dich auf deinen nächsten Reviergängen zu begleiten. Ich wünsche dir, dass du vielen Menschen das Staunen über unsere wunderbare Natur nahe bringen kannst.
    Mach weiter so!
    Marlene