Maskenammer und Kegelrobben - Kurztrip nach Helgoland

Blick über den Tellerrand: Helgoland im Dezember

Blick von der Westklippe auf die Nordsee
Blick von der Westklippe auf die Nordsee

Helgoland im Dezember -

Wind, diesige Sicht, gedeckte Farben.

 

Während "normale" Menschen bei dem hiesigen Dezemberwetter wohl am ehesten zuhause bleiben oder sich vielleicht zu einer kurzen Runde über den Weihnachtsmarkt aufraffen, zieht es aus gutem Grund viele Naturfreunde trotz der tristen Aussichten auf die zum Kreis Pinneberg gehörende Hochseeinsel Helgoland:

Zum Ende des Jahres bringen die Kegelrobben ihre Jungen auf der vorgelagerten Düne zur Welt. Doch bei einigen Menschen kann ein einziger Vogel den ganzen Terminkalender durcheinander bringen.

Also: Was ist schon "normal"?

Eigentlich war alles anders geplant: Ein befreundeter Naturfotograf hatte eine Woche Helgoland gebucht, um Kegelrobben mit ihren Jungen zu fotografieren. Zu dieser Zeit wollte ich ihn ein oder zwei Tage auf der Insel besuchen.

Am 29.11. wurde dann eine wahre ornithologische Rarität auf Helgoland gesichtet: Eine offenbar verdriftete Maskenammer! Für Deutschland ist das erst der vierte Nachweis dieser Art. Normalerweise kommt die Maskenammer östlich des Urals bis nach Japan und China vor. Immer wieder passiert es, dass einzelne Vögel während des Herbst- oder Frühjahreszugs die Orientierung verlieren und in die falsche Himmelsrichtung oder über das Ziel hinaus fliegen.

Also: Bahnticket kaufen, Fähre und Übernachtung buchen. Die Möglichkeit dieser besonderen Beobachtung möchte ich mir nicht entgehen lassen.

Doch wer Helgoland kennt weiß: In der windigen Jahreszeit ist das nicht immer so einfach. Die Fähre ab Cuxhaven verkehrt je nach Wetterlage längst nicht jeden Tag.

Am 04.12. spielten dann Wetter und mein persönlicher Terminkalender mit. Morgens früh mit dem Metronom nach Cuxhaven, dort legt um 10:30 Uhr die "Funny Girl" ab.  Nach ruhiger Überfahrt wird die Insel pünktlich erreicht, Windstärke 5-6 und ein dunkler Himmel sind zwar nicht die besten Beobachtungs- und Fotobedingungen, aber was soll's. Das erste Ziel ist klar: Der Kringel, so heißt der südwestliche Fels- und Geröllhang der Insel, er hatte sich offenbar an den vergangenen Tagen als bevorzugter Aufenthaltsort des unscheinbar gefiederten Exoten herauskristallisiert. Nach kurzer Suche entdeckte eine andere Beobachterin den Kleinen in einem Hinterhof des Südhafengeländes, unweit des Felshangs.

Perfekt! Kaum 30 Minuten auf der Insel und schon bekomme ich diesen gerade einmal 15 cm kleinen Vogel zu Gesicht - klasse! Nun geht es zur Unterkunft auf dem Oberland um die Übernachtungsutensilien abzulegen.

Eineinhalb Stunden "Tageslicht" sollte der Tag noch hergeben, also genug Zeit für eine Runde auf dem Oberland. Vor der Tür des Hotels flott einen Blick durch das Fernglas in Richtung Düne geworfen: Ja, es sind etliche Kegelrobbe mit ihren Jungen am dortigen Nordstrand. Der Abstecher dorthin für den nächsten Morgen ist also fix.

Auf dem Oberland lässt sich nicht viel tierisches Leben blicken, der Wind hat zugelegt. Vögel und Schafe suchen Schutz in den Senken und sind so schwer zu entdecken. Nur ein paar Schneeammern und ein gemischter Gänsetrupp geben sich die Ehre.

Verlockendes Angebot im "Zum Hamburger"
Verlockendes Angebot im "Zum Hamburger"

Überhaupt, die Insel erscheint mir ungewohnt leer. Noch niemals zuvor war ich im Winterhalbjahr hier. Viele Pensionen sind geschlossen, die wenigen offenen Restaurants sind fast leer. Schon bei der Ankunft sind mir die vielen geschlossenen Buden zum zollfreien Einkauf von Zigaretten und Schnaps aufgefallen.

So sitze ich denn auch beim Abendbrot alleine im Restaurant des Hotels "Zum Hamburger", an der Qualität des Labskaus wird es nicht liegen... lecker! Das beworbene Rinderkotelett klingt zwar verlockend, aber Labskaus ist doch ein echter Klassiker.

Auf dem Zimmer die Fotos des Tages gesichtet und gesichert, dann zeitig ins Bett.

Am kommenden Morgen bin ich der Erste und habe freie Auswahl am Buffet. Viel Zeit für Gemütlichkeit bleibt nicht, nachmittags geht es schließlich mit der Fähre schon wieder heimwärts . Also: Flott die sieben Sachen im Rucksack verstaut. Beim Begleichen der Rechnung sitzen mittlerweile weitere Gäste beim Frühstück und lassen den Blick nach draußen auf die schnell vorbei ziehenden Wolken über der Nordsee schweifen. Es ist noch ziemlich dunkel draußen, etwa 3 Grad über Null bei Windstärke 6. Noch genügend Zeit für eine Runde auf dem Oberland bevor es auf die Düne geht.

Rund eine Stunde später geht es dann die Treppen hinab über das Mittelland hinunter zum Kringelstrand. Ein Sperber schießt auf der Suche nach unachtsamen Kleinvögeln ums Eck. In der unruhigenen Nordsee schwimmen unzählige Möwen und Enten, am kleinen Strand tummeln sich einige Singvögel. Emsig durchstöbern sie die angespülten Algen und den Tang nach fressbarem. Die Wellen zwingen sie immer wieder zum Auffliegen, die Steine und Betonbrocken bieten dann eine sichere, erhöhte Position mit gutem Überblick.

Eine halbe Drehung, schon bäumt sich der Hang des Kringels vor mir auf, ich hoffe die Maskenammer heute noch etwas besser als am Vortag beobachten zu können. Tatsächlich, es geling! Zwischen zwei abgestellten Schuttcontainern wuselt die Ammer, zusammen mit einem Buchfinken, rastlos herum und frisst Sämereien.

Mittlerweile ist es halb Zwölf, Zeit mich auf den Weg zur Dünenfähre zu machen. Jetzt im Winter verkehrt sie nur stündlich und ich bin gespannt auf die Kegelrobben mit ihren Jungen. Die kurze Überfahrt ist etwas kappelig, die Sicht durch die gichtvernebelten Scheiben der kleinen Fähre ist schlecht. Nach wenigen Minuten ist die Düne erreicht, auf geht es Richtung Nordstrand.

Es ist ein faszinierender Anblick: Nahe der Mole, unweit der Brandung des Meeres, liegen dutzende Robben dicht gedrängt am Strand. In deutlichem Abstand zueinander liegen einzelne Muttertiere mit ihrem Nachwuchs.

Jetzt, wo die Jungen geboren werden, sind die größten bei uns vorkommenden Raubtiere besonders störungsempfindlich und können, wenn man ihnen oder ihrem Nachwuchs zu nahe kommt, äußerst aggressiv reagieren. So weisen schon am Anleger mehrsprachige Schilder auf den einzuhaltenden Abstand von mindestens 30 Metern hin. Bei so vielen Meeressäugern am Strand lässt sich dies aber nur schwer realisieren, so bleibe ich direkt an der Betonmauer des Strandzugangs.

Mittlerweile hat sich die Wolkendecke etwas gelichtet, was für das Fotografieren hilfreich ist. Dennoch fängt es an zu regnen. Geschätzte sechzig Meter vor mir liegt ein frisch zur Welt gekommener Heuler, sein helles Fell zeigt noch Spuren der Geburt, der Sand ist blutig. Möwen streiten sich im Hintergrund um die Nachgeburt.

Ähnlich weit entfernt liegt, etwa zwanzig Meter daneben, ein weiterer Heuler. Er robbt zu seiner Mutter, stupst sie an. Daraufhin rollt sie sich etwas zur Seite und das Junge wird gesäugt. Im Bann dieser Beobachtungen fällt der stärker werdende Regen garnicht auf. Die Tiere kommen zur Ruhe und scheinen etwas zu dösen, sicher erschöpft von den zurückliegenden Strapazen der Geburt. Zufrieden ziehe ich mich zurück, mit solch intensiven Momenten hatte ich angesichts der knappen Zeit nicht gerechnet.

Auf dem Weg zur Dünenfähre hüpft ein kleiner Wiesenpieper über den Asphalt, scheint unter einem abgestellten Radlader Wind- und Wetterschutz zu suchen. Nach gerade einer Stunde auf der Düne verlasse ich sie wieder, nass und glücklich.

Annähernd zeitgleich mit der Fähre aus Cuxhaven legt die Dünenfähre an der Hauptinsel an. Es hat aufgehört zu regnen, dafür legt der Wind noch etwas zu. In rund drei Stunden legt die "Funny Girl"  wieder Richtung Cuxhaven ab, schade. Unter den frisch angekommenen Passagieren befinden sich wieder etliche Naturbeobachter und -fotografen. Gut zu erkennen sind sie am schweren Rucksack, dem umgehängten Fernglas und dem meist auf der Schulter getragenen Stativ. So lerne ich noch einige Gleichgesinnte kennen. Rund ein Dutzend sind auch heute wegen der Maskenammer angereist, für die meisten geht es am gleichen Tag wieder zurück auf das Festland. So verbringe auch ich die letzte Zeit auf der Insel am Kringel. Immer wieder zeigt sich die Ammer, um dann unvermittelt für einige Zeit wieder zu verschwinden. Es entwickelt sich ein Gespräch mit einem anderen Hobbyornithologen. Er ist mitten in der Nacht in Sachsen aufgebrochen, um diesen einen Vogel beobachten zu können. Auch auf der Rückfahrt sitzen wir auf dem Schiff zusammen und tauschen uns aus. Für Oktober 2015 wird eine lockere Verabredung getroffen, dann finden auf Helgoland die "Vogeltage" statt. Zwischendurch wird das Gespräch kurz unterbrochen, per Durchsage werden die Passagiere gebeten, auf ihren Plätzen zu bleiben. Die See ist ein wenig rau, ein paar unbesetzte Stühle hält es nicht auf den Beinen. Pünktlich ist Cuxhaven erreicht, nun geht es für mein Gegenüber mit dem Auto zurück nach Sachsen, ich steige in den Metronom nach Hamburg.

Im Zug bin ich in Gedanken bei dem kleinen Vogel: Es ist schon faszinierend zu wissen, dass dieses winzige Tier etliche tausend Kilometer geflogen ist und hier, am falschen Ende Eurasiens angekommen ist. Noch immer stellt uns das Phänomen Vogelzug vor viele Rätsel. Schade, dass die Wahrscheinlichkeit für ein glückliches Ende der langen Reise des unauffällig gefiederten Wesens  äußerst gering ist. Auf Artgenossen wird der Vogel, selbst wenn er je wieder auf dem Festland landen wird, wohl nie mehr treffen.

Nach diesem knapp vierzig Stunden langen Abenteuer mit vielen schönen Momenten wieder zuhause angekommen, stellt sich der Reisezeitpunkt als glücklich gewählt heraus: An den folgenden Tagen fällt die Fährverbindung witterungsbedingt mehrfach aus.

 

Die Maskenammer wurde zuletzt am 18. Dezember beobachtet. Ob sie weitergezogen ist, dem Sperber oder einer Hauskatze zum Opfer fiel, wird wohl für immer unklar bleiben.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Inocêncio Oliveira (Freitag, 16 Januar 2015 11:55)

    Hello Torsten, fantastic Site / Blog.
    Congratulations

  • #2

    Sigi Heer (Samstag, 24 Januar 2015 22:16)

    Torsten, toller Reisebericht. Bin fasziniert. Meine Gedanken flogen beim Lesen hin und her. Schade, dass der NABU nichts mehr von deinem Talent hat. Dachte daran, dass du beim NABU in der Geschäftsstelle mit deinen schönen Fotos mal einen Vortrag halten könntest. Würde sicherlich sehr gut ankommen. Weißt du, es gibt viele gute Fotografen im NABU HH, aber leider können nur wenige daraus einen interessanten Vortrag machen. Viele trauen sich auch nicht. Schade, dass du nicht mehr im NABU bist.....
    Gruß
    Sigi