Rückblick: Sommer 2014 (Juni-August)

Während der Juni und Juli mit meist trockenem, warmem Sommerwetter aufwarteten, war der August eher zu kühl und zu nass. Was der Vegetation gut tat, erschwerte einigen Insekten und somit auch anderen Tieren, die auf diese als Nahrungsgrundlage angewiesen sind, das Leben. Insgesamt dürfte der bisherige Jahresverlauf aber nach den beiden vorangegangenen Jahren mit ihren harten, langen Wintern die Bestände vieler Arten gestützt haben. So hatten zum Beispiel viele Vogelarten gute Voraussetzungen für erfolgreiche Zweit- und Drittbruten.

 

Übrigens: Für das kommende Jahr können sie sich die Natur in Hamburg in die eigenen 4 Wände holen.

August

Ungewöhnlicher Deichvogel

Auf dem Geländer der Schleuse wird die geringe Größe deutlich: Ein Graureiher ist etwa doppelt so groß wie der Kuhreiher
Auf dem Geländer der Schleuse wird die geringe Größe deutlich: Ein Graureiher ist etwa doppelt so groß wie der Kuhreiher
Die Wilhelmsburger Wühlmäuse schienen dem Reiher zu schmecken
Die Wilhelmsburger Wühlmäuse schienen dem Reiher zu schmecken

Am 8. August "stolperte" ein Wilhelmsburger Vogelfreund auf dem Weg zu Arbeit direkt vor der Ernst-August-Schleuse über einen ungewohnten "Deichläufer". Der Blick ins Bestimmungsbuch bestätigte die Vermutung: Es handelte sich um einen Kuhreiher (Bubulcus ibis)

Durch die Meldung an die einschlägigen Internetseiten wurden schnell etliche Vogelbeobachter auf die Besonderheit aufmerksam, und so entwickelte sich der vorgelagerte Parkplatz direkt am Deich für ein Wochenende zum Treffpunkt zahlreicher vogelbegeisterter Menschen.

Die Herkunft des kleinen Reihers ist unklar, der größte Teil der europäischen Population lebt auf der iberischen Halbinsel, einige Brutpaare gibt es auch in Westeuropa. Möglicherweise handelte es sich auch um einen Irrgast aus dem Südosten oder um einen Gefangenschaftsflüchtling. Große Scheu zeigte der Vogel nicht, bis auf deutlich unter 10 Meter konnte man sich vorsichtig annähern. Freilaufende Hunde hingegen lösten seinen Fluchtreflex aus, mehrfach flog er aus diesem Grunde auf und brachte sich in Sicherheit, so kam es auch zur Landung auf dem Geländer am Rande der Schleuse.

Als geschickter Jäger konnte der leuchtend weiße Vogel zahlreiche Wühlmäuse erbeuten und leistete so einen Beitrag zur Deichsicherheit. Als Zwischenmahlzeit mussten etliche Heuschrecken herhalten. 

Zuletzt gesichtet werden konnte der seltene Gast am Abend des 10. August. Es handelt sich hierbei um die dritte dokumentierte Beobachtung in Hamburg. 

Mehr Fotos gibt es in der Galerie.

 

 

Grün-gelber Winzling

Mikrokosmos: Binsenschmuckzikade im Wirrwarr von Halmen
Mikrokosmos: Binsenschmuckzikade im Wirrwarr von Halmen

Keine Seltenheit - und trotzdem selten wahrgenommen. Mit unter einem Zentimeter Körperlänge entzieht sich die Binsenschmuckzikade (Cicadella viridis) den meisten menschlichen Blicken, obwohl sie auf vielen feuchten Wiesen mit Binsen zahlreich vorkommt, in diesem Fall auf einer kleinen Fläche am renaturierten Bach Engelbek in Hamburg-Marmstorf. Hier gibt es auch einen kleinen, durchnässten Erlenbruchwald. Leider stehen viele Anwohner der Renaturierung des einst weitestgehend kanalisierten Baches skeptisch gegenüber und empfinden die Grünflächen, die zahlreichen Tieren und Pflanzen einen geeigneten Lebensraum bieten, als zu unordentlich.

Spätsommer und Herbst: Achtung - WILD!

Äsende, diesjährige Rehe
Äsende, diesjährige Rehe

Spätsommer - die Sonne neigt sich wieder früher dem Horizont entgegen und die Nächte werden länger. Der Übergang zwischen Tag und Nacht ist die aktivste Tageszeit bei dem Reh- und Damwild. Gerade jetzt zur Balz- und Paarungszeit ist wieder erhöhte Vorsicht bei Dämmerungsfahrten geboten.

Wärmeliebender Einwanderer

Die Gemeine Sichelschrecke wurde bisher nur an zwei Orten in Hamburg entdeckt
Die Gemeine Sichelschrecke wurde bisher nur an zwei Orten in Hamburg entdeckt

Bis vor einigen Jahren kam die Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata)  in Deutschland nur in wenigen, klimatisch begünstigten Regionen vor. Mit steigenden Durchschnittstemperaturen erweitert sie ihren Lebensraum zusehends auch Richtung Norden. In Hamburg sind seit 2013 zwei kleine Vorkommen bekannt, weitere wurden möglicherweise übersehen. Dieses Weibchen krabbelte in einem Himbeerbusch auf einer Brachfläche im Hafengebiet.


Nachtrag (09.09.): Wie mir eben bekannt wurde, wurden mittlerweile auch Sichelschrecken in Hamburgs Norden entdeckt.

Heideblüte

Abendstimmung in der Fischbeker Heide
Abendstimmung in der Fischbeker Heide

Jedes Jahr ab etwa Mitte August verwandelt sich die Fischbeker Heide für einige Wochen in eine verwunschene lila Hügellandschaft. Besonders in den Morgen- und Abendstunden, wenn das Licht der tiefstehenden Sonne  die Blüten der Besenheide (Calluna vulgaris) funkeln lässt, ergeben sich berauschende Ansichten, vollendet von ihrem süßen Duft. Nach feuchten Nächten glitzern morgens dazu die unzähligen, taubenetzten Spinnennetze.

Juli

Ungeliebte Mehlschwalben

Junge Mehlschwalben lugen aus der Nisthöhle hervor
Junge Mehlschwalben lugen aus der Nisthöhle hervor

Verschandelung der Fassade, Lärm und Kot an der Hauswand und auf dem Boden - so denken viele Hausbesitzer und -verwalter. So haben es Mehlschwalben (Delichon urbicum) besonders in großen Städten wie Hamburg immer schwerer. Diese beiden Jungvögel haben Glück, Hausbesitzer und Mieter sind ihnen gegenüber freundlich gesinnt. So konnten ihre Eltern unbehelligt direkt vor einem russischen Supermarkt in Hamburg-Neugraben brüten. Etwa acht Wochen später machen sich auch die Jungen auf den Weg in ihr Winterquartier im südlichen Afrika, nachdem sie zuvor abertausende Mücken und andere Insekten verspeist haben. Mit etwas Glück kehren sie in den Folgejahren nach Neugraben zurück, um ihrerseits hier zu brüten.

Die Bestände in Deutschland sind rückläufig, die Mehlschwalben sind ebenso wie ihre Nester geschützt. Das Entfernen der Nester ist nur mit behördlicher Genehmigung bei Schaffung von Ersatz zulässig, bei Missachtung drohen empfindliche Geldbußen.

 

Seltene Insekten

Perfekt an die Umgebung angepasst: Die Blauflügelige Sandschrecke
Perfekt an die Umgebung angepasst: Die Blauflügelige Sandschrecke

Die Blauflügelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) hat sehr spezielle Ansprüche an ihren Lebensraum. Warm muss es sein, dazu nahezu vegetationslos. So kommt sie in Deutschland nur noch an wenigen Orten wie ehemaligen Truppenübungsplätzen oder Güterbahnhöfen mit ihren Schotterflächen vor. 

In Hamburg sind seit 2013 zwei Vorkommen bekannt: Eines auf einem nicht zugänglichen Bahngelände in Altona und eines an Gleisanlagen und anschließender Industriebrache in Altenwerder. Bei letzterem konnte in diesem Jahr auch die Reproduktion nachgewiesen werden. Aufgrund ihrer exzellenten Tarnung wurde sie möglicherweise andernorts übersehen, nur wenn sie auffliegt, werden ihre auffällig blauen Flügelflächen sichtbar. Verwechselungsgefahr besteht mit der deutlich häufigeren Blauflügeligen Ödlandschrecke, mit der sie häufig gemeinsam auftritt.

Vermutlich breitet sich die Art über Mitfahrgelegenheiten auf Güterzügen entlang von Bahntrassen weiter aus und lässt sich an geeigneten Standorten nieder. Allerdings verfügen Heuschrecken auch über hervorragende Flugfähigkeiten.

Nach der noch gültigen Roten Liste für Hamburg (2007) gilt die Art als ausgestorben bzw. verschollen, bei der anstehenden Aktualisierung wird sie vermutlich mit Kategorie 2 (stark gefährdet) dieselbe Einordnung wie bundesweit erhalten.

Mehr Fotos gibt es in der Galerie.

Frisch geschlüpfte Grüne Mosaikjungfer
Frisch geschlüpfte Grüne Mosaikjungfer

Gänzlich anders sind die Habitat-Ansprüche der Grünen Mosaikjungfer (Aeshna viridis).  Die in Hamburg als stark gefährdet geltende Art ist bundesweit vom Aussterben bedroht (Rote Liste Kategorie 1). Sie ist abhängig von Gewässern mit Vorkommen der Krebsschere, einer anspruchsvollen Wasserpflanze, die sehr empfindlich auf Gewässerverunreinigungen und stark schwankende Wasserstände reagiert. 

Das Foto zeigt ein frisch geschlüpftes Exemplar an seiner Exuvie (Larvenhülle) auf einer NABU-Pachtfläche an der Mellingburger Alsterschleife.

Kraniche im Duvenstedter Brook

Kraniche: Jung- und Altvogel im Duvenstedter Brook
Kraniche: Jung- und Altvogel im Duvenstedter Brook

Kraniche (Grus grus), die Vögel des Glücks, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Hamburg als Brutvögel ausgestorben. Seit den 1980er Jahren siedelten sich wieder einige Brutpaare im Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook im Norden der Hansestadt  an.

Die Bestände haben sich mittlerweile erholt, so brüten alljährlich über 10 Brutpaare dort. Zudem gibt es einige wenige weitere Brutplätze in der Stadt. Mit etwas Glück lassen sich im Sommer Familien mit Jungen auf den feuchten Wiesen beobachten. Im Herbst ziehen die Vögel mit einer Flügelspannweite von bis zu 220 cm dann nach Südeuropa oder Afrika, um im Frühjahr in ihre Brutgebiete zurückzukehren.

Klebrige, fleischfressende Schönheit

Blühender Mittlerer Sonnentau in einem nicht zugänglichen Teil der Fischbeker Heide
Blühender Mittlerer Sonnentau in einem nicht zugänglichen Teil der Fischbeker Heide

Im Sonnenlicht glänzende Tröpfchen locken Insekten an, allerdings handelt es sich weder um Nektar, noch um erfrischendes Wasser. Sobald ein Insekt mit dem verlockenden, süßen Sekret in Berührung kommt, schnappt die Falle zu: Die Tentakel umschließen das Opfer und sondern Enzyme zur Verdauung des Insekts ab. So können die Nährstoffe über Drüsen auf der Blattoberfläche aufgenommen werden. In Hamburg kommen der Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia) und der  Mittlere Sonnentau (Drosera intermedia) vor. Beide sind vom Aussterben bedroht, von letzterem gibt es grade noch eine Handvoll kleiner Bestände in den Mooren der Stadt.

Mehr Fotos gibt es in der Galerie.

StadtNatur-Schnappschuss

Neugierig beäugt dieser Waldkauz die Bewegungen auf der Straße
Neugierig beäugt dieser Waldkauz die Bewegungen auf der Straße

An einer viel befahrenen Straße in Hamburg-Francop sitzt dieser Waldkauz (Strix aluco) in einer seiner Baumhöhlen und verfolgt den Autoverkehr und das Treiben auf dem Fußweg aus sicherer Höhe. Das dichte Blätterdach lässt wenig Licht durch , so ist die Eule kaum zu entdecken.

Juni

Neugrabener Turmfalken

Vier der jungen Turmfalken am Turm der Michaeliskirche wenige Tage vor dem Ausfliegen
Vier der jungen Turmfalken am Turm der Michaeliskirche wenige Tage vor dem Ausfliegen
Das Männchen des Brutpaares thront über der Kirche
Das Männchen des Brutpaares thront über der Kirche

Erfolgreich verlief die Brut des im Turm der Michaeliskirche in Neugraben brütenden Turmfalken-Paares. Sechs Jungvögel konnten großgezogen werden und flogen im Juni aus.

Seit vielen Jahren schon brüten die Falken in dem von den Pfadfindern der Gemeinde installierten Nistkasten. 2013 ist dieser in Zusammenarbeit mit der Gruppe Süd des NABU Hamburg im Rahmen des Projekts "Aktiv für Neugrabens StadtNatur" mit  moderner Kameratechnik ausgestattet worden.  So kann das Brutgeschehen in Echtzeit weltweit verfolgt werden. Im April wurde das Engagement der Michaelisgemeinde für den "Lebensraum Kirchturm" ausgezeichnet. Den Brutverlauf der Falken mit weiteren Fotos und Videos gibt es auf Falkenkamera.de zu entdecken.

Ausflug in die Wedeler Marsch

Die ehemalige Boden-Entnahmestelle Fährmannsand in der Wedeler Marsch ist ein prima Ausflugsziel für Natur- und ganz besonders Vogelliebhaber. Die Kombination aus tidebeeinflusstem Süßwasserwatt vor dem Deich und tideunabhängigen Gewässern mit kleinen Inseln dahinter, bietet zahlreichen Vogelarten in der von grünem Weideland geprägten Umgebung  einen idealen Brut-,  Rast- oder Winterlebensraum.

Mit ihren Beobachtungshütten und dem kleinen Infozentrum bietet sich die Carl Zeiss Vogelstation als Wanderziel an.

Mehr Fotos aus der Wedeler Marsch gibt es in der Galerie.

Nilgans-Familie in der Wedeler Marsch
Nilgans-Familie in der Wedeler Marsch

Nilgänse (Alopochen aegyptiacus) kamen, wie der Name schon vermuten lässt, ursprünglich nicht in Mitteleuropa vor. Seit dem 18. Jahrhundert wurden sie als Ziervögel eingeführt, durch Gefangenschaftsflüchtlinge entwickelte sich eine immer schneller wachsende Population. Mittlerweile gibt es kaum mehr einen Landstrich in Deutschland, in dem die Gänse nicht zu beobachten sind. Mit ihrem zum Teil aggressiven Verhalten stellen sie in einigen Regionen eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu den heimischen Graugänsen dar. Das abgebildete Paar brütete in diesem Jahr erfolgreich an der Station.

Drei Kampfläufer an der Kleientnahmestelle und ein auffliegender Kiebitz
Drei Kampfläufer an der Kleientnahmestelle und ein auffliegender Kiebitz

Einige Männchen der zu den Watvögeln zählenden Kampfläufer (Philomachus pugnax) kehren sehr früh im Jahr zurück aus den nordischen Brutgebieten. Das zum Teil sehr lange Gefieder des Prachtkleides lassen die Vögel manchmal etwas verwegen wirken. Der Name Kampfläufer rührt von den in besonderen Arenen stattfindenden Balzkämpfen der Männchen her. Früher brütete die Art regelmäßig auch im Bereich der deutschen Nordsee, heute finden sich dort allenfalls noch einzelne Paare. Im Herbst ziehen die Vögel dann in ihr Überwinterungsgebiet in Afrika.

StadtNatur-Schnappschuss

Abends nach Ladenschluss, wenn die meisten Menschen mit ihren Autos verschwunden sind, suchen Silber- und Sturmmöwen auf einem großen Parkplatz vor einem Möbelhaus und einem Baumarkt in Hamburg-Moorfleet nach Fressbarem. Ihre Brutplätze liegen unweit entfernt auf gewerblichen Flachbauten.

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